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Wie sage ich es meinen Kindern?

Gastbeitrag von Jörg Baesecke, welcher u.a. die Seite isartal-interim.blogspot.de betreibt:

In der Frühe kam die Polizei, und dann ging alles ganz schnell: Der junge Mann aus dem Senegal wurde mitgenommen und zurück nach Italien ‚verbracht‘. Nein, alles rechtmäßig und vom ‚Dublin-Verfahren‘ gedeckt.
In seiner Zeit hier hatte er schon viel Deutsch gelernt und tatsächlich eine Arbeit gefunden, einen 1-Euro-Job als Küchenhelfer in der Mittagsbetreuung der örtlichen Grundschule. Kurz: Er hat sich wirklich um Integration bemüht. Die Kinder, so hört man, haben ihn geliebt, die Mitarbeiter sehr geschätzt, die Dorfbewohner freuten sich, wenn er sie auf der Straße grüßte. Nun werden die Kinder wohl Fragen stellen:

Warum ist er nicht mehr da? Und man wird ihnen erklären müssen, dass es um höhere Rechtsprinzipien geht, die im Einzelfall dann auch mal Härten mit sich bringen können. Und hoffentlich, hoffentlich verstehen die Kinder das nicht, nehmen es nicht hin! Hoffentlich haben sie in der kurzen Zeit gelernt, auf den einzelnen Menschen zu sehen, auf den biblischen Nächsten! Hoffentlich hat sie dieser kurze Kontakt ein Stück weit gegen Rassismus immunisiert, praktischer als jeder wohlgemeinte Religions- oder Ethikunterricht. Eine unschätzbar wertvolle Erfahrung.
Da läuft doch etwas falsch. Mit dem kindlichen Gerechtigkeitsemfinden lässt sich wahrscheinlich kein Rechtsstaat organisieren, aber Denkanstöße liefert es allemal. In der sorgengeprägten Diskussion darüber, wie wohl die Integration so vieler Flüchtlinge gelingen kann, drohen diejenigen aus dem Blick zu geraten, die sich oft sehr aktiv um ihre Integration bemühen – und das sind häufig die Armutsflüchtlinge, die mit den schlechtesten Bleibeaussichten. Diese Bemühungen lohnen sich nicht – das ist die unfrohe Botschaft, die durch solche Abschiebungen verbreitet wird. Dass diese Maßnahmen rechtmäßig sein mögen, macht es nicht unbedingt besser. Denn wenn es schon schwierig ist, unseren Kindern die Gründe dafür zu vermitteln – wie schwierig ist es dann, sie den Flüchtlingen zu erklären – und sie gleichzeitig aufzufordern, sich um ihre Integration zu bemühen? Von den Helfern ganz zu schweigen.
Es bleibt das ungute Gefühl, dass es hier ganz vordergründig auch um vorzeigbare Vollzugszahlen geht. Und es unterstreicht die Forderung, endlich ein Einwanderungsgesetz mit einem nachvollziehbaren Anerkennungsverfahren zu schaffen. So würden nebenbei auch die Asylverfahren entlastet, und das allemal ehrlicher als durch die neu beschlossenen ‚Verfahrensoptimierungen‘. Und es zeigt einmal mehr: Der Blick aus der Nähe, der unmittelbare Kontakt verengt die Perspektive nicht, er vermag sie zu erweitern.

Hören wir auf unsere Kinder.